Matera – Bethlehem auf Italienisch

Matera – Bethlehem auf Italienisch

Auf die Spuren Jesus Christus begaben sich also meine allerbeste Freundin und ich im Rahmen unseres Geschichtsstudiums, und doch war diese Reise für uns erklärte Cineasten viel mehr als eine rein historisch angelegte Fact-Finding Mission. Ich sage nur Mel Gibson, und das ist kein Schmäh. Unser Ziel: Das entzückende Matera.

Dieses kleine Städtchen in der süditalienischen Region Basilikata ist mit seiner historischen Altstadt und den „Sassi di Matera“ – die Höhlensiedlungen zählen seit 1993 zum UNESCO Weltkulturerbe – ein lebendiger Kulturschatz. Spätestens seit Matera Schauplatz großer Filmproduktionen war – „Die Passion Christi“ von Mel Gibson oder „Das 1. Evangelium nach Matthäus“ von Pier Paolo Pasolini wurde hier inszeniert – steht das „zweite Bethlehem“, wie Matera auch oft genannt wird, aber nicht nur auf unserer Reiseliste weit oben.

Traditionsreiches Matera

Ich weiß ja nicht, wie es anderen Besuchern ergeht, aber ich bin in das felsgraue Städtchen, das sich lieblich an den Berghang schmiegt, regelrecht „hineingekippt“. Häuser und Kirchen sind derart geschickt in den Fels geschlagen, dass es mitunter einiger Anstrengung bedarf, die Gebäude vom Berg zu unterscheiden. Sie bilden eine geschickte Einheit, faszinieren, erstaunen und machen ob der bescheidenen Mittel, über die die einstigen Bewohner und Erbauer verfügten – die Klosteranlage etwa geht auf das 10. Jhdt. zurück – ziemlich sprachlos.
Wirklich alles in dieser Stadt, von den Häuserfassaden bis zu jeder einzelnen Treppe, besteht aus grau-beigem Tuffgestein, das die ganze Region durchzieht und bereits vor tausenden von Jahren aus dem Berg geschürft und verarbeitet wurde. Hier atmet man lebendige Geschichte, das traditionsreiche Lebenssystem, das sorgsam bewahrt und unverändert an die Nachkommen weitergegeben wird, ist in jeder Steinritze, in jeder Felsspalte lebendig.
Da kommt man schon ins Grübeln und beginnt die eigenen Traditionen zu hinterfragen. Die, in unserer konsumorientierten und schnelllebigen digitalen Zeit immer weniger Platz in unserer Gesellschaft einnehmen, kaum mehr gepflegt und gelebt, ja mitunter sogar gering geschätzt werden. Matera ist ein ganz besonderer Ort, fast schon ein wenig spirituell und hat meine Freundin und mich nachdenklich und still gemacht. Sie hat uns die Wurzeln der Menschheit näherbrachte und daran erinnert, was wir unseren Nachkommen eigentlich hinterlassen werden. Verglichen mit den wunderschönen und mühsam in den Fels gehauenen Höhlen, den sogenannten Sassi, sowie den jahrtausendealten Felsenkirchen, die von Spiritualität geradezu übergehen, stellte ich mir eben jene Frage: Was wird unsere heutige Gesellschaft den späteren Generationen hinterlassen und werden diese „Errungenschaften“ und Erinnerungen an längst vergangene Zeiten ebenso hochgehalten werden, wie man das hier in Matera seit Jahrtausenden tut?

Zeitreise durch die Steine

Zu den ältesten und wichtigsten Bereichen der Stadt gehört sicher das Viertel Civita mit dem romanischen Dom, eine natürliche Festung im Herzen der antiken Stadt, die gemeinsam mit den zwei Talsenken „Sasso Barisano“ und „Sasso Caveoso“ zu den beeindruckendsten Stellen der Stadt gehört. Im Sasso Caveoso sind die Höhlenbauten der Via Casalnuovo nahezu vollständig erhalten und geben wundervoll Zeugnis über die Kultur-, Natur- und archäologische Geschichte dieses magischen Ortes.
Das Auge wird hier wahrlich strapaziert und ja, es gibt hier sehr viele Kirchen. Aber, keine einzige davon lohnt den Besuch nicht, wo also anfangen und wo aufhören, mit meinen Empfehlungen. Am besten, Sie nehmen sich ausreichend Zeit und schauen sich alle Felsenkirchen von Matera an, unbedingt aber die Kirchen San Pietro Barisano, Santa Lucia delle Malve, die Felsenanlage Convicinio di Sant’Antonio, Santa Maria Idris und San Giovanni, die Kirche Santa Barbara mit ihren beeindruckenden Fresken und die Felsenanlage Madonna delle Virtù und San Nicola die Greci. Letztere befindet sich zwischen dem Sasso Caveoso und dem Sasso Barisano und ist jährlich Schauraum international renommierter Skulpturenausstellung.

Einmal 20.000 Jahre zurück, bitte!

Weil wir individuell unterwegs waren – es galt ja eigentlich einige geschichtliche Übungen für die Uni zu erledigen – folgten wir unserem Reiseführer namens Wiki, der sich hintennach Pedia nennt. Er war auf Schritt und Tritt, tagaus, tagein, auf unserem Smartphone mit dabei und führte auf „italienisch“ durch die Region. Das Freilichtmuseum Parco Archeologico Storico Naturale della Murgia e delle Chiese Rupestri del Materano (Archäologisch-Historischer Naturpark der Murgia und der Felsenkirchen von Matera), das sich auf einer Fläche von mehr als 8.000 Hektar zwischen den Gemeinden von Matera und Montescaglioso erstreckt, gleicht auf den ersten Blick einer von tiefen Canyons durchsetzten Felswüste. Bereits im Paläolithikum, der Altsteinzeit, entstanden in der Region die ersten Höhlensiedlungen – ein wahres Paradies für jeden Archäologen und Kulturliebhaber! Ausgerüstet mit Rucksack und passendem Schuhwerk hieß es dann auch „ciao Smartphone“ und einfach nur mehr genießen!

Europäische Kulturhauptstadt 2019

Seit 1993 ist Matera, die Stadt der Sassi, UNESCO-Weltkulturerbe. Im Oktober 2014 setzte sich die Stadt gegen die italienischen Mitbewerber Cagliari, Lecce, Perugia-Assisi, Siena und Ravenna durch und wurde zur Europäischen Kulturhauptstadt 2019 ernannt. Ein weiterer sehr guter Grund, sich das zweite Bethlehem anzusehen und eine Reise mehrere tausende Jahre zurück zu unternehmen. Für uns war diese Reise in eine Region, die den Besucher mit seiner Geschichte umarmt und gefangen nimmt, definitiv eine der schönsten und stimmungsvollsten, die wir zwei Mädels je gemeinsam unternommen haben – und Matera ist eine echte Reiseempfehlung.

Wichtige Information

Anreiseinformationen:
Der nächstgelegene Flughafen von Matera, Bari, liegt ca. 60 km entfernt. Flüge nach Bari bietet z.B. myAustrian Holidays an (Flugplan 2018: Ende März – Ende Oktober 2018), weiter nach Matera per Mietauto, Shuttlebus, Linienbus oder Zug. Direktflugverbindungen bestehen außerdem nach Brindisi (Eurowings) und Neapel (MyAUstrian Holiday, Easyjet), von dort per Mietwagen oder Bus /Zug weiter in die Basilikata.

Weblinks
www.enit.at
www.italia.it
www.matera-basilicata2019.it/en/
www.aptbasilicata.it
www.basilicataturistica.com

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