Ein Fleckchen Erde

Ein Fleckchen Erde

Der im Südwesten gelegene Küstenabschnitt Paleochora bis Chora Sfakion bzw. dessen Hinterland – im Regionalbezirk Chania gelegen - ist geprägt von schroffen Bergformationen mit Hochgebirgscharakter und (noch) einsamen Stränden. Nicht zuletzt Wetter- und Topografie-bedingt – starke Winde und zerklüftete bzw. erodierte Küstenabschnitte mit großteils grobsteinigen Stränden sind nicht bei allen beliebt – scheint dieser Teil von Kreta – im Gegensatz zum nördlichen Teil der Insel – vom Massentourismus verschont geblieben zu sein.

Orte wie Sougia oder Chora Sfakion sind von Chania aus nur nach längerer Autofahrt erreichbar, andere Orte wie Agia Roumeli oder Loutro sind Auto-frei, zumal diese Orte nur via Fähre – ausgehend von Paleochora oder Chora Sfakion – oder zu Fuß an der Küste erreichbar sind.
Darüber hinaus gibt es in der Region eine Reihe von naturbelassenen, weder mit Liegen oder Schirmen bestückten Stränden, die nur zu Fuß oder via Boot (bei ruhiger See) angesteuert werden können. Jene, die die eigenen Füße als das liebste Fortbewegungsmittel ansehen, können – ausgestattet mit reichlich Wasser, Ausdauer, gutem Schuhwerk, Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und Hitzeresistenz (sofern man nicht im Sommer auf Touren verzichten will) – ausgedehnte Wander- und Bergtouren durchführen, und viel Ruhe bzw. fantastische Aus- und Einblicke in das „wilde“ Kreta genießen.
Nur sehr vereinzelt sind dröhnende Motorboote bzw. Jetskis zu hören, auch der Ritt auf luftgefüllten Bananen und anderem Obst ist die Ausnahme, denn die Regel. Vielmehr sieht man in Büchern und wohl in Gedanken versunkene, am Strand liegende Individuen, zumeist aus dem mittel- und nordeuropäischen Raum, die die Ruhe zu suchen scheinen. Möglicherweise sind darunter auch einige ehemalige Hippies der 1960er und 1970er Jahre (oder zumindest deren Kinder) zu finden, war die Region bei dieser Gruppe vor rund einem halben Jahrhundert besonders beliebt (Matala östlich von Chora Sfakion war dafür besonders bekannt).

Das kleine Städtchen Paleochora ist mit rd. 3.500 EinwohnerInnen der größte Ort im südwestlichen Kreta, Anziehungspunkt für zahlreiche Gäste (siehe auch Umfrageergebnisse aus dem Jahr 2015 Radio Kreta), nicht zuletzt aufgrund der räumlich nah beieinanderliegenden Stränden und Bergen (Lefka Ori, zu deutsch „Weiße Berge“), der relativ guten Verkehrsanbindung mit Chania, der ausgeprägten aber klein gehaltenen Beherbergungsinfrastruktur, der Vielzahl von Restaurants und der Fähranbindungen mit allen Küstenorten in der Region bzw. der Insel Gavdos, der südöstlich von Paleochora im Libyschen Meer gelegenen Insel.
Durchbrochen wird die Ruhe durch den im südwestlichen Küstenabschnitt gelegenen Strand Elafonissi und durch die sich von der Hochebene von Omalos nach Süden ziehende und rd. 1.200 Meter abfallende Samaria-Schlucht mit Endpunkt Agia Roumeli. Bedingt durch die starke Bewerbung von großen Reiseveranstaltern werden beide Attraktionen geradezu von TouristInnen gestürmt, im Fall von der Samaria-Schlucht zumeist mit unzureichendem Schuhwerk, im Fall von Elafonissi mit dem Gefühl, endlich einmal Karibik-ähnliches Flair mit blauem Wasser und feinem rosaschimmernden Sand (Mitnehmen verboten!) zu Gesicht zu bekommen. In beiden Destinationen sind die Kapazitätsgrenzen – zumindest in den Sommermonaten – längst überschritten, aber die lukrierten Einnahmen scheinen die Massen zu rechtfertigen. Durchwandert man die Samaria-Schlucht von unten nach oben bzw. ein Besuch von Elafonissi außerhalb der Hochsaison offenbart die Schönheit beider Attraktionen ohne Menschenmassen.

Spricht man mit Einheimischen, so ist Wasser bzw. dessen Verfügbarkeit DAS Thema, wobei sich seit Jahren die Situation durch immer kürzere Regenperioden zu verschärfen scheint. Der zunehmende Tourismus tut das seinige dazu, den Wasserverbrauch weiter anzukurbeln und darüber hinaus bzw. folglich die Abwasserquantitäten weiter zu erhöhen. Die für (Ab)Wasser notwendige Infrastruktur scheint zwar vorhanden, aber insbesondere in Zeiten der touristischen Hochsaison im Sommer stark belastet, wenngleich aufgrund der (noch) überschaubaren Gästezahlen handhabbar. – Wie auch weiters zu erfahren ist, gewinnen via Airbnb und anderer Sharing-Plattformen vermietete Privatzimmer bzw. -wohnungen neuerdings auch in dieser Region an Bedeutung. Diese Form des Vermietens stellt einerseits ein für die einheimische Bevölkerung lukratives Zusatzeinkommen dar; andererseits sind dies Unterkünfte, die für im Tourismus Beschäftigte fehlen oder zu weit überteuerten Preisen diesen angeboten werden. Damit sind Unterkünfte in den überwiegend kleinstrukturierten Orten der Region mit ohnehin begrenztem Wohnangebot in der Hochsaison Mangelware und treiben Mieten für Einheimische wie für im Tourismus tätige Personen in unrealistische Höhen.
Sofern nicht finanziell potente Investoren bzw. Reiseveranstalter die Region für sich entdecken und der kommerzielle Hotel- bzw. Straßenbau in schwer zugängliche Gebiete vorangetrieben wird (eine Straße kommt Loutro schon sehr nahe) wird der südwestliche Teil Kretas auch für künftige Generationen in seiner Wild- und Abgeschiedenheit erhalten bleiben – damit scheint einem nachhaltigen Tourismus dzt. nichts im Wege zu stehen.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem traveller.
Autor: Dr. Peter Laimer

Dr. Peter Laimer ist Tourismusexperte der Statistik Austria und beschäftigt sich mit der Nachhaltigkeit des Tourismus; er besucht seit Jahren das südwestliche Kreta und hat Teile der Küste bzw. des angrenzenden Bergmassivs durchwandert.

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