Die Stadt, in der Geschichte lebt

Die Stadt, in der Geschichte lebt

1918, 1938, 1948 und 1968 – was haben diese Jahreszahl gemeinsam? Richtig, alle tragen eine Acht in sich und wer im Geschichteunterricht aufgepasst hat, wird sofort erkennen, dass es sich hier um Jahreszahlen handelt, die maßgebliche Einschnitte in der tschechischen Nationalgeschichte darstellen.

Denn obwohl das Ende des Ersten Weltkrieges und die Gründung der Tschechoslowakischen Republik bereits hundert Jahre zurückliegen, die deutsche Besatzung 1938 und die kommunistische Machtübernahme 1948 ebenfalls längst Geschichte sind, gibt es vor allem für das Jahr 1968 – den „Prager Frühling“ – noch viele Zeitzeugen und eine präsente kollektive Erinnerungskultur. Besonders in Prag – der Stadt, in der Geschichte lebt – lässt es sich gut geschultem Auge und genauem Blick auf Spurensuche gehen.

Von Pflasterstein zu Pflasterstein

Meine Spurensuche beginnt allerdings nicht gleich in der Tschechischen Republik, sondern am Wiener Hauptbahnhof. Von wo es preisgünstig, bequem und schnell mit den ÖBB und der Sparschiene von Wien über Brünn und Pardubice nach Prag geht. Am Prager Hauptbahnhof angekommen, wird auch gleich im Motel One in Zentrumsnähe eingecheckt und los geht’s, um die Stadt zu erkunden. Bereits beim Verlassen des Bahnhofs betritt man die für Prag so typischen Pflastersteinwege, die sowohl aus der Altstadt, als auch aus deren weiteren Umgebung nicht wegzudenken sind. Nichts für High Heels, gutes Schuhwerk ist bei einem Stadtrundgang durch Prag nicht nur eine Empfehlung, sondern eigentlich Plicht, will man diesen Citytripp unbeschadet überstehen.
Tipp: Stets ein Paar flache Schuhe zum Wechseln dabeihaben!

Historisches Prag

Meine erste Anlaufstelle ist der Tschechische Rundfunk, mit Paternoster-Aufzug (dem letzten in Prag!) und spannender Hintergrundgeschichte. Obwohl das Gebäude für Besucher nur bedingt zugänglich ist, lässt sich die Geschichte an drei Erinnerungstafeln bereits an der Häuserfassade ablesen. Sie erinnern an die Ereignisse im Frühling 1968 und namentliche Erwähnungen der Opfer sowie eine Inschrift geben einen Eindruck von der schwierigen Zeit in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Weiter geht es über den Wenzelsplatz mit der Gedenktafel von Jan Palach und Jan Zajíc, die sich beide 1969 als Protest gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts und der daraus resultierenden Niederschlagung des Prager Frühlings selbst in Brand steckten. Von den Tschechen als Nationalheld gefeiert, genießt Jan Palach Ansehen und Ruhm. Dennoch haftet dieser Geschichte für mich ein bittererer Beigeschmack an, als unser Reiseleiter – ebenfalls wie Jan Palach 1948 geboren und gemeinsam mit ihm studierte – von Palachs Begräbnis und der Enttäuschung der Bevölkerung über den Ausgang des Prager Frühlings erzählte. Wäre die Geschichte ein wenig anders verlaufen, hätte Jan Palach heuer seinen 70. Geburtstag gefeiert und würde durch die Straßen des neu erblühten Prags spazieren …

Architektur en masse!

Freudiger geht es den Wenzelsplatz hinunter, vorbei an den Prachtbauten des 20. Jahrhunderts, wie dem Hotel Europa, dem historischen Hotel Jalta, in dessen Keller sich noch heute ein Atombunker befindet, und einigen weiteren Gebäuden, die glücklicherweise von den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs verschont blieben, bis zum Graben, an dem sich neumodische Geschäfte tummeln – ein wahres Paradies für Shoppingfreunde. Barocke Häuserfassaden zieren die Straßen bis zum Ständetheater, in dem Mozarts Don Giovanni 1787 seine Uraufführung feierte. Wir hingegen stärken uns im kubistischen Grand Café Orient mit köstlichen viereckigen Brandteigkrapfen und kühler hausgemachter Limonade. Das Café ist mit seiner einmaligen Treppenform und dem in Österreich nur in der Malerei vorhandenen kubistischen Baustil definitiv einen Besuch wert. Weiter zum Altstädter Ring und an der Prager Rathausuhr vorbei, führt unsere Tour in das ehemalige jüdische Viertel der Altstadt. Die schönste Synagoge zum Besichtigen ist definitiv die Spanische Synagoge, mit ihren bemalten und vergoldeten Wänden. Die zweitälteste Synagoge, die Pinkas Synagoge, wurde im 16. Jahrhundert erbaut und 1959 in eine Gedenkstätte für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus umgewandelt. Auf deren Wände befinden sich rund 80.000 Namen jüdischer Opfer aus dem Protektorat Böhmen und Mähren. Mit der letzten Station, der Karlsbrücke, findet unsere Tour ein famoses Ende, bevor es zum Abendessen ins Restaurant Lehka Hlava geht. Unter den Pragern nur durch Mundpropaganda bekannt, ist das kleine Lokal für Touristen ein echter Geheimtipp.
Tipp: Wer sich Prag gerne von oben anschauen möchte, dem empfiehlt sich ein Besuch des Astronomischen Turms im Klementinum. Bei Touristen noch wenig bekannt, bietet sich von hier oben ein wunderschöner Ausblick auf die Altstadt von Prag.

Auch außerhalb gibt es viel zu sehen

Am zweiten Tag unserer Reise geht es raus aus Prag zu einigen Gedenkstätten, wie dem Památník Vítězství Slivice, der Gedenkstätte des Sieges, wo die letzte Schlacht des Zweiten Weltkrieges auf europäischen Boden stattfand. Obwohl bereits am 8. Mai um Mitternacht das Ende des Krieges erklärt wurde, ließen hier noch einige Soldaten in der Nacht von 11. auf 12. Mai ihr Leben, als amerikanische, deutsche und russische Truppen in der Ebene vor Milín aufeinanderstießen. In der Gedenkstätte Vojna Lesetice, die ebenfalls nicht weit von Prag entfernt liegt und gut mit dem Auto in einer Stunde zu erreichen ist, besuchen wir ein Museum für die Opfer des Kommunismus und der Uranförderung. Das 1946 für Kriegsgefangene erbaute Lager, entwickelte sich schnell als Zwangsarbeitslager zum Abbau von Uran und ab 1951 als Sammelstelle für politische Häftlinge des kommunistischen Regimes. Zwei der damaligen Baracken des Lagers sind noch im Originalzustand erhalten, die anderen wurden zu Filmzwecken rekonstruiert oder symbolisch durch Rechtecke angedeutet. Führungen werden zu jeder vollen Stunde ab 40 Kronen p.P. angeboten, Gruppen melden sich am besten vorab an, dann sind auch fremdsprachig geführte Rundgänge kein Problem.
Der Naturpark Brdy ist erst seit kurzem für die Öffentlichkeit zugänglich und diente zuvor dem tschechischen Heer als Truppenübungsplatz. Mit einer Fläche von 345 km² ist er zwar etwas schwerer zu erkunden, vor allem, da man in den Park nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad darf, dennoch machen interessante Plätze, wie Bunkeranlagen, eine ehemalige Radiosenderstation aus dem Zweiten Weltkrieg sowie weitläufige Seen, einen Besuch lohnend. Zudem empfiehlt sich als Tourist immer in Begleitung eines Guides und auf den beschilderten Wegen zu bleiben, da eventuell noch Munitionsreste herumliegen könnten. Bei vorheriger Bekanntgabe sind auch fremdsprachige Führungen möglich.
Ebenfalls erst seit kurzem für Touristen zugänglich, ist die Villa Kramář hoch über der Prager Stadt. Sie ist die offizielle Residenz des Premierministers der Tschechischen Republik und wurde 1914 vom ersten Premierminister der Tschechoslowakei, Karel Kramář, erbaut. Besonders eindrucksvoll ist der Garten, der einen wunderschönen Ausblick auf die Stadt bietet. Auch heute noch wird die Jugendstil-Villa für offizielle Anlässe und Regierungstreffen genutzt und kann daher nur jeden Samstag von April bis Oktober von 9:00 bis 16:00 Uhr besucht werden. Ausgenommen sind der 7. Juli und 27. Oktober.

Kulinarische Highlights

Wer die typisch tschechische Kultur, und damit meine ich vor allem das Essen, kennenlernen möchte, dem sei ein Besuch des Restaurants U Pinkasů ans Herz gelegt. Seit 1843 wird hier das beste Bier Prags, nur wenige Schritte vom Wenzelsplatz entfernt, ausgeschenkt. Die bodenständige böhmische Küche sowie die einzigartige historische Atmosphäre versprechen einen gemütlichen Abend zu zweit oder auch in größeren Gruppen. Im Sommer empfiehlt sich besonders der Garten des Restaurants, eine Reservierung vorab ist aber auf jeden Fall ratsam.
Wohl ebenso bekannt wie berühmt ist das Café Imperial und darf bei einem Besuch in Prag natürlich nicht fehlen. Das Keramikmosaikdekor der Wände und Decken im Jugendstil aus dem Jahr 1914 schafft eine anregende Atmosphäre, die hohen Fenster geben den Blick auf das pulsierende Leben Prags frei. Besonders empfehlenswert ist das Frühstücksbuffet, allerdings ist auch hier eine Reservierung vorab dringend notwendig, da zu dieser Zeit das Café schon sehr besucht ist. Bei einer köstlichen Torte sowie einem herrlichen Eiskaffee genießen wir noch die letzten Stunden in Prag, bevor es mit dem Zug wieder zurück nach Wien geht – im Gepäck natürlich original tschechisches Bier und ein paar Mitbringsel für die Familie.

Wichtige Informationen

Mit der Prague Card erhalten Sie ab 1.810 Kronen eine Drei-Tages-Karte und somit Zugang zu mehr als 50 Tourismusattraktionen in Prag, unter anderem zur Prager Burg, dem Altstädter Rathaus, dem Jüdischen Museum und eine freie zweistündige Busfahrt durch die Stadt. Fahrten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln sind ebenfalls inkludiert.
Mit den ÖBB geht es siebenmal am Tag im Zwei-Studen-Takt nach Tschechien. Mit einem Sparschiene-Ticket kommen Sie bereits ab 14 Euro nach Prag. Die Vorteilscard bietet eine 15-prozentiige Ermäßigung auf den tschechischen Streckenabschnitt. Weitere Informationen unter www.oebb.at

Mit RegioJet geht es ebenfalls viermal täglich ab 15 Euro nach Prag. Weitere Informationen unter www.regiojet.at
Weitere Informationen zu Tschechien und Prag gibt es unter www.czechtourism.com und www.prague.eu

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